Foto: Stephen Shore
Ein Thema, das andere in der letzten Zeit gedanklich umgetrieben hat, beschäftigt auch mich: die Leserschaft von Fotobüchern. Jorg Colberg, Todd Walker und Colin Pantall, um nur einige zu nennen, haben sich in mehreren Blogposts Fragen angenähert.
Das Kernstück aller Fragen ist dabei die offensichtliche Feststellung, dass Fotobücher eine sehr beschränkte Leserzahl haben und dabei nur äußert selten den Kreis der Fotoszene durchbrechen und ein vielschichtiger zusammengesetztes Publikum finden.
Die Relevanz und Notwenigkeit dieser Frage lässt sich vorallem aus der stetig steigenden Zahl von Publikationen ableiten. In Fotobüchern steckt viel Arbeit und Zeit; und werden zunehmend zu (einer) der wichtigsten Präsentationsformen von fotografischen Arbeiten.
Colberg erwähnt, Diane Arbus Monographie hat sich in der elften Auflage inzwischen über 100.000 mal verkauft. Bücher der Fotografin Anne Geddes (mit Fotografien von Babys und Schwangerschaften) haben sich 14.000.000 mal verkauft, Arthus-Bertrands Buch ‘Earth from Above’ mit Luftaufnahmen der Welt hat sich mehr als 3.000.000 mal verkauft.
Der Unterschied der millionenfach verkauften Bücher, zu einem Buch einer der bekanntesten Fotografinen ist offensichtlich, aber schwer in Worte zu fassen. Man könnte es vielleicht mit dem Begriff ‘Leichter Kost’ versuchen, ohne jedoch eine befriedigende Beschreibung zu erreichen.
Blicken wir auf Fotobücher, die innerhalb der Fotoszene als Erfolg gewertet werden, wissen wir auch ohne genaue Zahlen (Darius Himes erwähnte eine Auflagenzahl von 3.000 im Durchschnitt), dass die verkaufte Auflage weit unter den Verkaufszahlen der Diane Arbus Monographie liegen wird.
Nicht zu Unrecht kann man sich die Frage stellen, wie es Colberg tat, warum Leser der Anne Geddes Bücher nicht auch andere Fotobücher kaufen. Haben sie kein Interesse? Oder kommen aktuelle Fotobücher nur nicht ins Angebotsbewusstsein? Gerade Independent-Bücher werden oftmals nur online angeboten und bedürfen vor Kauf eine aktive Recherche der Titel. Auch Bücher größerer Verlage finden oft nur den Weg in ausgerichtete Buchhandlungen, Händler ohne Kunst- oder Fotobuchausrichtung haben, wenn überhaupt, Klassiker im Sortiment.
Stan B. stellt in einem Post die Frage, was wäre wenn Eggelstons Guide ein Independent-Fotobuch gewesen wäre. Damit zielt er auf die inzwischen weit verbreitete Methode, besonders kleine Auflagen dauerhaft zu limitieren, ein Nachdrucken zu unterbinden, das Angebot der Bücher gering zu halten. Das kann einerseits den Vorteil für unbekanntere Fotografen bedeuten, mit einer gewissen Exklusivität und Sammelpotential den Verkauf der Bücher attraktiver zu gestalten. Anderseits erschwert es vielen den Zugang zu Büchern, die tatsächlich besonders gut ankommen und gelobt werden. Gerade der boomende Independent-Fotobuch-Markt ist voller kleiner limitierter Auflagen, trotzdem werden sie (glücklicherweise) rezensiert und bewertet. Leider ist es dennoch für viele nicht möglich die Bewertungungen als Kaufanreiz zu nutzen, da viele Bücher dann bereits ausverkauft sind und nicht nachgedruckt werden.
Eine vielleicht nicht unwichtige Ursache für geringe verkaufte Auflagen könnte in den Herstellungskosten liegen. Fotobücher auf hochwertigen Papier und in einem ansprechendem Format sind in der Herstellung teurer als reine Textbücher. Addiert man dann entsprechende Provisionen für Buchhändler, Marketing und Vertrieb ist man schnell bei einem hohen Verkaufspreis, ohne überhaupt an Gewinne zu denken. Entgegenwirken kann dem natürlich eine hohe Auflage, die Herstellungskosten drückt; die muss dann aber erstens finanzierbar und zweitens verkaufbar sein.
Die schmerzhafteste aller Vorstellungen ist jene, dass beinah jede Kunstform ein akzeptables Publikum hat; in den Feuilletons füllen sich die Artikel zu Theaterstücken und Kinofilmen, zu Literatur und Konzeptkunst, Popart und Musik, doch bevor ein Artikel über Fotografie zu lesen ist, erscheinen je 5 Artikel der oben genannten Genres. So ist das auch mit dem Publikum zu sehen; sehr viele Menschen unterschiedlichster Klassen und Schichten gehen ins Kino, viele lesen Bücher, ein durchwachsenes Publikum sitzt in den Theater- und Konzertsälen. Aber abgesehen von Kunstkritikern und sehr großen Ausstellungen muss sich die Fotografie mir ihrer Kollegenschaft (mit Profession oder Amateur) als Publikum zufrieden geben, ganz besonders mit Sicht auf Fotobücher.